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DIESE MENSCHEN BRAUCHT KEIN MENSCH
Das Dokumentarfilmfestival "Visions
du reél" in Nyon Aus dem Fernseher dringt die schnarrende Stimme eines
amerikanischen Sprechers, dessen beunruhigende Neuigkeiten simultan ins
Deutsche übersetzt werden. Zu beobachten sei, dass sich die anderen Sterne
in unserem Planetensystem langsam, aber unaufhaltsam von der Erde
entfernen. In einigen zehntausend Jahren würden am Firmament keine
Himmelskörper mehr auszumachen sein. Zu diesem Zeitpunkt seien wir
sozusagen allein im All. Eine unglaubliche Kälte, so die Prophezeiung des
Kommentators, beschleiche dann die Seele der Menschen.
Die drei
Leute freilich, die gebannt solch apokalyptischer Sciencefiction folgen,
brauchen keine zehntausend Jahre zu warten. Tagtäglich machen sie die
Erfahrung einer ähnlichen Isolation. Es handelt sich um Bewohner von
Straguth, einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, das sich selbst überlassen
blieb, seit die sowjetischen Soldaten den Militärflughafen dicht machten
und abzogen. Mit den Russen verschwand das Geld, die Arbeitsmöglichkeiten;
irgendwie jeder Schwung und die großartigen Saufpartien unter
sozialistischen Brüdern und Schwestern. Jetzt ist man Teil eines Systems
namens Bundesrepublik Deutschland und säuft doch nur noch alleine. Denn
unerklärliche Fliehkräfte bewirkten, dass der Kontakt zum Rest der Welt
abgeschnitten ist. Wohl gibt es Straßen nach Straguth, über die sich aber
kaum ein Fremder in die Gegend verirrt.
Thomas Heise immerhin hat
sich für seinen Film Vaterland an dieses Dorf erinnert, das er in
den achtziger Jahren schon einmal besuchte. Gemeinsam mit seinem
Kameramann verbrachte er dort nun wieder einen Monat; hat den Bewohnern
bei ihren täglichen Verrichtungen zugeschaut. Holzhacken zumeist, denn der
Winter wird kalt. Oder eben Fernsehschauen, wobei der Verdacht nahe liegt,
dass die oben beschriebene Szene inszeniert ist. Wäre aber egal,
beziehungsweise erst recht ein Grund, den Film gut zu finden. Schließlich
bevorzugt man auf dem Schweizer Dokumentarfilmfestival Visions du
reél, wo Vaterland im Wettbewerb lief, einen
Wirklichkeitszugriff, der nicht nur abbildet, sondern auch gestaltet und
verdichtet. Heises Film tut das. Es ist ein schöner Film, leise, zärtlich,
voll handwerklicher Präzision; ein würdiger Preisträger der
internationalen Jury.
Zudem war er symptomatisch für das gesamte
Programm des feinen Festivals am Genfer See, wo man die frühlingshafte
Pracht der Uferpromenaden beinahe schon traditionell mit etwas anderen
Ansichten von Welt und der Wirklichkeit kontrastiert. Auf unserem Planeten
scheint es nur so von Parallelgesellschaften zu wimmeln, die isoliert
leben, ohne Kontakt zur sogenannten Zivilisation. Und zwar nicht im
Urwald, sondern mitten unter uns. Der belgische Regisseur Patrick Jean
berichtet etwa in seinem Film La raison du plus fort von der
Segregationspolitik des französischen Staats, der die Migranten in riesige
Gettos vor den Toren der Stadt abschiebt. Manchmal, wie in Lyon, sind
diese Viertel nicht einmal in den offiziellen Dokumenten der Behörden
verzeichnet - als wünsche man sich, dass sie gar nicht existierten. Weil
keine Arbeit da ist, gibt es desto mehr Kriminalität. In Amiens entsteht
deshalb vis a vis einer stillgelegten Fabrik ein Gefängnis. Als sei das
der logische Ersatz für Menschen, die keinen Job finden und von der Justiz
schon für das harmloseste Delikt kriminalisiert und inhaftiert werden.
Auch das argentinische Kino, dem anlässlich der
Präsidentschaftswahl ein Sonderprogramm gewidmet war, sprach von Armut und
Isolation. Es zeigte freilich, das beides nicht ausschließlich die
unteren, schlecht ausgebildeten Schichten treffen kann, sondern auch den
Mittelstand, den in Argentinien durch eine heftige Wirtschaftskrise
erschüttert wird.
Es zeigte jedoch auch, dass es Mittel und Wege
gibt, die Isolation zu durchbrechen. Die Regisseurin Myriam Angueira etwa
erzählt in ihrem Film El Puente vom Entstehen einer gewaltigen
sozialen Bewegung, mit der die Bewohner eines einst wohlhabenden
Provinzstädtchens auf den totalen Kollaps der Wirtschaft reagieren. In
Eigenregie, etwa durch Neu- und Selbstorganisation der Landschaft,
gewährleisten sie, was weder dem Staat noch den großen
Agrarindustrieunternehmen zuletzt gelang: die Ernährung der Region, die
Versorgung wenigstens mit den elementarsten Dingen. Weil Geld nichts mehr
wert oder aber verloren war, kehrte man zum Tauschhandel zurück.
Gleichzeitig erhob sich ein massenhafter Protest gegen die korrupte
Regierung, der im Dezember 1999 blutig niedergeschlagen wurde. Das war der
Auftakt zu landesweiten Demonstrationen, zu den so genannten
"Kochtopfmärschen", die 2002 in zwei Wochen zwei Regierungen stürzte.
Das oftmals etwas schwüle, gern als leidenschaftlich und sinnlich
beschriebene Metaphernkino des poetischen Realismus sucht man im jungen
argentinischen Kino vergeblich. Die Filme sind hart und genau, was auch
auf die beiden anderen hier geschilderten Beispiele zutrifft. Klar
strukturiert, sachlich und ohne Larmoyanz gaben sie Nachrichten von
Menschen, die kein Mensch mehr braucht. Die mit dem Recht auf Arbeit und
Selbstverwirklichung auch das Privileg von Wohlstand verloren haben, und
sei er noch so bescheiden. Und manchmal beschleicht einen der Eindruck,
das seien längst nicht nur Nachrichten aus so fernen Weltgegenden wie
Argentinien oder Straguth. Die Bewohner dieses gottverlassenen Dorfes in
Sachsen-Anhalt müssen sich vor dem Fernsehen manchmal wie Pioniere
vorkommen; Avantgarde einer Isolation, die irgendwann die gesamte Spezies
befallen könnte. |